there’s an end

Menschlichkeiten

April 20, 2008 · 3 Kommentare

Jemand hatte an meine Hauswand gesprayt. In letzter Zeit geschah das öfter in meinem Viertel, seitdem der Begriff “Gentrifizierung” durch die Medien gegangen war. Mein Haus war ein Paradefall für ein gelebte Gentrifizierung. Vor einem halben Jahrzehnt mit X eingezogen, als sie noch Kunst studierte und ich “irgendwas mit Medien”. Als wir uns noch liebten und nicht von unendlicher Zweisamkeit entzweit waren. Die Mieten waren billig, das Haus zugig. Im Dach gab es Wespen und im Keller Mäuse. Unter uns wohnte die 7-köpfige Familie Ashimraf, über uns Opa Henke, der immer wieder gerne nasetippend über das “linke Gesindel und Studentenpack” schimpfte.

Heute war es ein weiß renoviertes, leeres Ein-Familien-Haus, Mit Innensauna. Ohne Wespen, ohne Mäuse, ohne Leben. Auf dem ebenso großen wie geschmacklos verzierten Briefkasten prangte ein “Dr” vor meinem Namen. Unser -oder von nun an viel eher mein- Gärtner hatte den vorgärtlichen Zierrasen frisch geschnitten. Ich konnte jeden Hass in meine Richtung verstehen.

Bereit, die Selbstverachtung zu umarmen, bereit, den Globalisierungsgegnern in ihren Nike-Schuhen ein innerliches, süffisantes Lächeln zu schenken, drehte ich meinen Kopf um einen besseren Blick auf die vermeintliche Klassenkampfparole zu werfen. Vor vier Wochen, kurz bevor X mich endgültig verließ, hatten wir “Widerstand ist zwecklos - sie werden gentrifiziert” in sattem Rot an der Wand. Ich fand es kreativ und wollte es stehen lassen; doch damals gab es noch X, und X fragte, wie das denn aussehe, wenn das nun jeder mache, und überhaupt, was sollten die Nachbarn denken? Ich schnauzte, so sehe es lebendiger aus in diesem Totenhaus, die Nachbarn kümmerten mich einen Dreck, und wenn es jeder machen würde wäre das gelebte Kunst. Sie schnaubte verächtlich und schrubbte es selber ab, in ihrer alten weißen Latzhose. Mein Gott, was haben wir uns gehasst in den letzten Tagen.

Doch statt des erhofften Rio-Reiser-Kampfschreis stand an meiner Mauer “Wenn es den Menschen gäbe, müsste man ihn abschaffen”. Ich wurde noch deprimierter.

Ich schnallte meinen Helm auf und schwang meinen Hintern auf den neugekauften Roller (statt in den schwarzen Saab) und machte mich auf den Weg zu X. Während der Fahrtwind an meinem betont unrasierten Kinn Wirbel bildete, dachte ich darüber nach, wie seltsam es war, dass ich erst jetzt mit ihr so offen reden konnte. Nachdem sie weg war, war mein erster Schritt nach dem Schock Verweigerung. Ich duschte selten, rasierte mich gar nicht, und hielt die jahrelang mühsam eingehaltene Diät nicht mehr ein. Selbst auf meine Samstagmorgen-Wichserei verzichtete ich. Vielleicht war es der Versuch, etwas anzustauen. Dreck, leere Kalorien, Sperma, Haare sollten helfen, mich wieder selbst zu spüren. Ich lächelte kurz, als ich daran dachte, wie ich es X erzählen würde. Spöttisch würde sie mich angucken, mit ihrer Zungenspitze im rechten Mundwinkel, und darüber lachen, wie ich versuchte meine Faulheit vor mir selber zu rechtfertigen. Vor einigen Tagen hätte es mich noch wütend gemacht, doch nun war alles federleicht in bleierner Schwere. Ich überlegte, Blumen zu kaufen. Das hatte ich erst zum Ende wieder gemacht, mindestens einmal pro Woche. Geholfen hat es nicht, im Gegenteil. X erkannte mein Klammern und versuchte noch stärker, von mir los zu kommen.

Heute würde ich ihr sagen, dass ich sie liebe. Ohne es wie einen Vorwurf klingen zu lassen, wie es die letzten male war. Ich würde es ihr sagen, nicht um sie an mich zu binden, sondern um ihr eine Freude zu machen. Eine kirschgrüne Ampel ignorierend, drückte ich aufs Gas. Ich war erstaunt von der Situation, von meinem Frieden, von der Einsamkeit, obwohl sie so oft so nah war, überraschte sie mich. Die Vorwürfe, die ich mir selber machte, ließen keinen Platz mehr für Vorhaltungen ihr gegenüber. Ich hielt an einer Tankstelle und kaufte eine einzelne Lilie. Sie mochte Lilien sowieso mehr als alle anderen Pflanzen und ganz sicher mehr als die verzweifelten Rosensträuche die ich ihr zum Ende so oft brachte. Mit meiner Angst sie zu verlieren, hatte ich sie noch mehr von mir abgestoßen. Nun war alles sehr klar, aber diese Erkenntnis kam reichlich spät.

An ihrem Totenbett angekommen, ließ ich den Rollerhelm ins Gras fallen. Die Lilie legte ich behutsam auf den grausam frischen Grabstein. Ich erzählte ihr, wie ich mich fühle. Ich erzählte davon, dass ich ab nun die Graffitis stehen lassen würde. Ich erzählte ihr, dass ich den Gärtner feuern würde. Ich erzählte ihr, dass ich wieder rauchte. Ich erzählte ihr auch, dass Brotstücke für Mäuse im Keller auslegen würde Sie widersprach nicht. Nicht einmal. Ich sagte ihr, dass ich sie liebe.

Als ich wiederkam, hatte jemand unbeholfen einen Zusatz unter das Graffiti gesprayt. “Wenn es den Menschen nicht gäbe, müsste man ihn erfinden”. Ich nahm meinen Helm unter den Arm, zündete eine Zigarette an und betrat mein Haus.

Kategorien: Lost Art of Keeping a Secret

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